GEW-Sportkommision

Eine Arbeitsgruppe für gewerkschaftlich orientierte Sportlehrer/innen und Sportwissenschaftler/innen
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Gerhard Jeschull
GEW- Sportkommission Brandenburg

 

Für den Schulsport ist mehr Engagement nötig !

Setzt man sich derzeitig mit Bildungsthemen auseinander, stehen die Ergebnisse der PISA-Untersuchung schnell im Mittelpunkt der Diskussion. Leider hat die PISA-Erhebung keine Verbindungen zwischen den geistigen Fähigkeiten und den körperlichen Betätigungen der Schülerinnen und Schüler untersucht. Ein Zusammenhang ist aber nicht zu leugnen.
Ich möchte die folgenden Thesen zur Diskussion stellen und für deren Umsetzung werben.
 

  • Schlüsselkompetenzen werden im Sportunterricht überdurchschnittlich gut erworben, daher muss er wie die sogenannten Kernfächer aufgewertet werden.
  • Der Sportunterricht muss durch Fachlehrer erteilt werden, da nur so eine Effektivität zu erreichen ist.
  • Drei Sportstunden pro Woche ist das Minimum, um die Bewegungsarmut ansatzweise einzudämmen und die Kinder an die Grundbewegungsfähigkeiten und -fertigkeiten heranzuführen.


Es ist erwiesen, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen der körperlichen Bewegung und dem geistigen Arbeiten gibt. Weiterhin ist nicht zu unterschätzen, dass sich beim Sporttreiben körperliche Stress-Symptome bestens abbauen.

Diese Erkenntnisse nutzen einige Menschen bewusst für die Bewältigung ihres Alltages. 
Durch die sportliche Betätigung wird u.a. die Entspannung von der Arbeit gesucht und der Erhalt bzw. die Stärkung der Leistungsfähigkeit angestrebt. Die erlangte Fitness spielt ebenfalls zunehmend eine bedeutende Rolle.

Auch bei Kindern und Jugendlichen ist zu beobachten, dass sich durch eine regelmäßige sportliche Betätigung neben der Ausprägung von Bewegungsfähigkeiten und -fertigkeiten eine bessere geistige Leistungsfähigkeit einstellt. Diese Kinder und Jugendlichen wirken darüber hinaus häufig ausgeglichener. 
Das Sporttreiben entwickelt weiterhin besonders gut die Schlüsselkompetenzen wie Teamgeist, Toleranz, soziale Kompetenz und Selbstwertgefühl. Daher nimmt der Schulsportunterricht auch eine besondere Stellung im Fächerkanon der Schule ein.

Um die genannten positiven Entwicklungen möglichst bei vielen Kindern und Jugendlichen auszulösen, ist ein gewisser wöchentlicher Zeitrahmen für die sportliche Betätigung nötig. Ob dafür die drei Schulsportstunden in der Woche ausreichen, mag ich zu bezweifeln. 

Die drei Schulsportwochenstunden können aber einen wichtigen Einstieg darstellen, in dem sie das Erlernen von Bewegungsabläufen, das Aneignen von Bewegungserfahrungen und das Vermitteln von sportlichen Zusammenhängen und Verhaltensregeln befördern. Nicht zu unterschätzen ist meines Erachtens die sich oftmals im Schulsport entwickelnde Motivation bei den Schülerinnen und Schülern, sich außerhalb der Schule weiter sportlich zu betätigen. 
Schön wäre es, wenn sich das Bedürfnis zum Sporttreiben schon im frühen Alter einstellt. Daher sollte einem guten Schulsportunterricht im Grundschulbereich eine besondere Bedeutung zukommen.

Es kann derzeit konstatiert werden, dass bei einem Großteil der Schülerinnen und Schüler ein allgemeines Bewegungsdefizit vorliegt. Dies beschränkt sich nicht auf wenige Altersgruppen, sondern es ist ein allgemeines Phänomen.
Nach einer Berechnung von Prof. Dr. Bös (Universität Karlsruhe) bewegen sich Kinder im Alter zwischen 6 und 10 Jahren im Durchschnitt insgesamt nur eine Stunde pro Tag und davon 15 bis 30 Minuten aktiv-sportlich. 

Was den Zeitrahmen der aktiven körperlichen Bewegung für die Schülerinnen und Schüler angeht, muss, so meine ich, eine Umorientierung erfolgen. Es müssen sowohl die Eltern, die Schule aber auch andere gesellschaftliche Kräfte Veränderungen fördern und einfordern. 
Der aufgezeigte Zustand müsste doch eigentlich einen Aufschrei im Land hervorrufen. Selbst Aussagen, dass der körperliche Zustand unserer Kinder desolat ist, bewirken aber derzeit noch wenig.
Das das Europäische Parlament das Jahr 2004 zum „Europäischen Jahr der Erziehung durch Sport“ erklärt hat, kann in diesem Zusammenhang sehr wichtig sein.

Für einen qualitativ und quantitativ guten Sportunterricht scheinen aber oftmals die derzeitigen Rahmenbedingungen an vielen Schulen nicht die optimalen Voraussetzungen zu bieten. Auch die Effektivität vieler Sportstunden lässt zu wünschen übrig. Nach Ermittlungen von Fachleuten liegt bei einer gut laufenden Schulsportstunde derzeit die aktive Zeit für jeden Schüler bzw. Schülerin bei maximal nur 14 Minuten. 

Die Ursachen für die derzeitige Misere im Sportunterricht kann man in folgenden Punkten sehen:

  • Die Sportstätten und Sportgeräte sind oftmals nicht in einem guten Zustand, was die Freude am Sporttreiben einschränkt.
  • Häufig werden bei der Stundenplangestaltung beim Sportunterricht zugunsten solcher Kernfächer wie Deutsch, Mathe und Englisch Abstriche zugelassen.
  • Durch in den Sportunterricht hineingelegte Zeiten für zweimaliges Umziehen und Körperpflege geht des öfteren Zeit für den eigentlichen Unterricht verloren.
  • Das methodische Vorgehen im Sportunterricht ist nicht immer optimal. Gründe können durch eine Überbelegung von Sportstätten auftreten. Sie liegen aber auch teilweise in der Planung der Sportstunde durch den Lehrer.


Es muss die Aufgabe aller werden, für einen besseren Schulsportunterricht zu streiten und nach zusätzlichen körperlichen Bewegungsmöglichkeiten für die Kinder und Jugendlichen zu suchen. Oftmals sind diese sogar kostenneutral zu organisieren:

  • Die Eltern sollten sich überlegen, ob ihr Kind unbedingt mit dem Schulbus, den öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem „Mama-Taxi“ („Papa-Taxi“) jeden Tag den Schulweg bestreitet. Evtl. ist das Fahren mit dem Fahrrad oder der Fußweg empfehlenswerter.
  • Der Stundenplan der Schülerinnen und Schüler darf nicht zu Lasten des Sportunterrichts gestaltet bzw. verändert werden. An den drei Sportstunden pro Woche darf kein Abstrich zugelassen werden.
  • Der Sportunterricht ist so zu legen, dass möglichst wenig Sportunterrichtszeit für das Umziehen und die Körperpflege verloren geht. Die durchschnittliche aktive Zeit im Sportunterricht muss durch methodische und organisatorische Überlegungen ausgebaut werden. Auch deshalb ist grundsätzlich nur der Einsatz von ausgebildeten Sportlehrern in diesem Fach vorzusehen.
  • Bei dem Ausbau der Ganztagsbetreuung an den Schulen sollte das Angebot von Sportneigungsgruppen mit in die Überlegungen einbezogen werden. In diesem Zusammenhang kann eine Zusammenarbeit mit den örtlichen Sportvereinen sinnvoll sein.
  • Eltern und Lehrer sollten gemeinsam die Kinder und Jugendlichen motivieren sich außerhalb der Schule Sportvereinen anzuschließen. In diesem Zusammenhang erscheint es wichtig, dass sportliche Erfolge, auch wenn sie noch so klein sind, gewürdigt werden.


Gelingt es uns, die körperliche Betätigung der Schülerinnen und Schüler zu erhöhen, werden sich neben den positiven Effekten in Bezug auf die körperliche Konstitution der Kinder und Jugendlichen auch andere Nebeneffekte unmittelbar einstellen. 
Die körperliche Fitness der Schülerinnen und Schüler und die erworbenen Schlüsselkompetenzen werden dazu beitragen, dass auch die geistigen Leistungsfähigkeiten in anderen Bereichen steigen und sich Verhaltensmuster positiv gestalten.

Eine Untersuchung an zwei Vergleichsschulen in Hessen ergab z.B. folgendes:
An der Schule an der über drei Monate jeden Tag Sport unterrichtet wurde, war nach dieser Zeit die Lust auf Unterricht bei den Schülerinnen und Schülern fast dreimal so groß - bezogen auf alle Fächer. Die Aggressionen halbierten sich und es war ein Absinken der Schulunfälle festzustellen.

Es ist eigentlich keine Zeit mehr darauf zu warten bis sich die Einsicht für mehr Bewegungsangebote - u.a. sportliche Betätigung - für die Schülerinnen und Schüler bei den Politikern, Schulbehörden, z.T. Schulleitungen und Lehrern, aber auch Eltern durchsetzt. Die Sportlehrerinnen und Sportlehrer sollten im Rahmen ihrer Möglichkeiten die Initiative an der Schule ergreifen und wo nötig Überzeugungsarbeit leisten, denn die Kinder und Jugendlichen werden es ihnen danken.
 

Dr. Gerhard Jeschull 
(GEW-Brandenburg)
Februar 2004


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2004 - "Jahr der Erziehung durch Sport"
Bedeutung vom Bewegung, Spiel und Sport
 

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